Euro-08: Die Simulation des Ernstfalles
Ein Gespräch mit Martin Heller über
Großevents und ihre Bedeutung für die
Stadtentwicklung. Anke Hagemann
Die Europameisterschaft wird oft als einmalige Chance für die
Schweiz und für ihre Austragungsstädte begriffen.
Sehen sie
das auch so und worin besteht Ihrer Ansicht nach der Nutzen, den das
Land oder die Städte davon haben können?
Ich plädiere immer dafür, dass solche
Events eine Art
Ausnahmezustand generieren, in dem einiges möglich ist, was
sonst
nicht denkbar wäre. Der Alltag ist schon zäh genug.
Besonders
für das schwierige Verhältnis zwischen lokaler
Entwicklung
und nationaler Steuerung im föderalen System der Schweiz sehe
ich
alle Aufgaben, die von außen gestellt werden, als Chance,
Neues
zu lernen. Wie bei der Expo 02 ist die Durchführung eines
solchen
Anlasses auch immer so etwas wie die Simulation eines Ernstfalles, der
die Mobilisierung von gemeinsamen Kräften erfordert. So lese
ich
große Events und vor allem Events, für die sich ein
Land
oder eine Stadt freiwillig interessiert und die sie auch annimmt. Das
Annehmen der Aufgabe in dieser Dimension ist die Voraussetzung
dafür, dass man etwas lernen kann.
Eine andere Chance liegt natürlich darin, dass sich die
Städte über solche Gelegenheiten profilieren und
positionieren können - besonders in einer Zeit, in der eine
globale Städtekonkurrenz gegeben ist und deren Bedingungen auf
lokalem Niveau auch akzeptiert werden.
Die Schweiz und Zürich haben ja bereits ein eine Art
Luxus-Image,
das von gehobenem Tourismus und hochpreisigen Produkten
geprägt
ist. Wie passt das mit dem Massenphänomen Fußball
zusammen?
Mir scheint da kein grundsätzlicher Widerspruch zu
bestehen,
denn so eine Euro ist ja kein billigster Massentourismus, sondern ein
relativ hochwertiger Anlass. Als könnte man sagen, wir
möchten eine qualitätvolle Euro, wir möchten
im Umgang
mit dem Stadtraum etwas setzen, was interessant ist, denn wir
können uns das leisten. Zudem sind Bilder von Zürich
mit der
Street Parade schon genauso selbstverständlich wie die hohen
Quadratmeterpreise in der Bahnhofstraße. Es gibt da bereits
ein
aufgeweichtes Image.
Sie haben unter dem Titel Doppelpass zur EM 2008 einen Vorschlag zu
einem gemeinsamen Kulturprogramm von Schweiz und Österreich
vorgelegt, der hier aber keine Finanzierung fand. In welcher Form
wollten Sie das Event nutzen?
Mit Doppelpass sollte es nicht darum gehen, Hochkultur und
Massenkultur zu versöhnen oder den Fußball kulturell
zu
begleiten – das haben wir alles längst hinter uns.
Die Idee
war vielmehr, diesen Träger der Europameisterschaft
für etwas
anderes, ambitioniertes zu nutzen, nämlich für ein
Kulturprogramm zwischen Schweiz und Österreich, was es sonst
nicht
geben würde, und damit ein zusätzliches Spielfeld zu
etablieren. Aber dazu ist es nicht gekommen. Auf nationaler Ebene ist
kein klares Bekenntnis gefällt worden und die kulturellen
Aktivitäten bleiben nun den einzelnen
Austragungsstädten
überlassen. Stattdessen fließt ein
Großteil der
90 Millionen in die Sicherheit – begleitet von
Angstmacherdebatten.
Sie haben ja hauptsächlich mit städtischen
Kulturevents zu
tun. Sind denn Sportgroßereignisse und Kulturevents in ihrer
Bedeutung für die Stadt vergleichbar?
Ein Unterschied besteht sicher im Publikum: Auch wenn man bei
Kulturevents von einem breiten Publikum spricht, ist es doch immer ein
spezifischer Kreis. Fußball ist dagegen ein
Phänomen, was
eine unglaubliche Breite garantiert.
Außerdem muss Kultur sich immer selbst erfinden –
das ist
der große Unterschied. Es gibt ja nicht einfach ein
Kulturformat,
das ich mit einem Disziplinenprogramm und gesetzten Inhalten abspulen
kann. Eine Fußball-EM ist in jeder Hinsicht bis hin zu den
Auflagen der Uefa und den Vermarktungsrichtlinien gesetzt. Ein Event
wie z.B. die Kulturhauptstadt Linz muss sich dagegen von A-Z selbst
definieren. Dabei erlaubt es die Kultur, an Mentalitäten und
Verfasstheiten einer Stadt zu arbeiten – viel mehr, als wenn
ich
jetzt einfach Gelder in irgendwelche Stadien, urbane Infrastrukturen
oder Fanmeilen investiere. Und darum ist Kulturarbeit für die
Stadtentwicklung viel wesentlicher, insofern sie ja die Bedingungen der
Stadt zum Kernthema machen kann.
Besteht denn auch mit der Euro-08 für die Städte eine
Möglichkeit, sich dieses universelle Event anzueignen und
individuell zu definieren?
Das könnte so sein, aber daran scheint niemand ein
Interesse
zu haben. In Wirklichkeit sind die Länder ohnehin nur die
Hosts
für den Veranstalter, und dieser privatwirtschaftliche
Veranstalter bringt eine ganz andere Rentabilitätslogik ins
Spiel.
Faktisch hat die Stadt nicht viel zu sagen, außer da, wo es
ihr
eigenes Territorium betrifft. Darum sind die Fan-Meilen und das, was in
der Stadt geschieht, für die Stadt relativ interessant, weil
sie
da noch ein Stück weit Herr der Lage ist. Das Stadion ist
dagegen
ein geschlossener Ort. Kurzum: Man könnte durchaus sagen, gut,
die
UEFA ist der Veranstalter, aber wir reiten trotzdem unsere Nummer
– aber das findet nicht statt.
Ich glaube, die Städte haben schon den Anspruch, etwas
für
sich herauszuholen. Aber sie können es einfach nicht so gut.
Standortmarketing ist keine Disziplin, die in der Schweiz sehr
ausgeprägt und potent ist.
Was müsste denn passieren, um die Euro 08 optimal für
das Standortmarketing zu nutzen?
Die Frage muss lauten: Was hätte passieren
müssen? Denn
diese Chance ist längst vorbei. Man hätte den Anlass
als
solchen überhaupt erst einmal schlüssig und im
Hinblick auf
die eigenen Interessen definieren müssen: Für die
meisten ist
es einfach ein Fußballevent. Zu sagen, nein, das ist was
anderes
– diese relativ komplexe Umdeutung hätte sich das
Land oder
die Stadt zu eigen machen müssen.
Der nächste Schritt wäre gewesen, eine Organisation
aufzubauen, die das auch zulässt. Dafür ist eine Art
von
Intendanz nötig, denn unter den
partizipatorisch-demokratisch-komiteelichen Arbeitsbedingungen, die in
der Schweiz den Normalalltag ausmachen, kommen Sie einfach nicht durch.
Der darauf folgende Schritt wäre eine Dotierung gewesen: Ich
brauche ein Kapital und ich leiste mir das, weil es nötig ist.
Ein
Privatunternehmen, das Sponsoring betreibt, z.B. mit einer halben
Millionen, weiß sehr genau, dass es auf diese Summe
mindestens
250.000 aufdoppeln muss, um sein eigenes Engagement in irgendeiner
Weise zu kommunizieren, zu rentabilisieren, zu veredeln. Und diese
Logik ist bei der Euro 08 genau dieselbe: Wenn ich das Spielgeld
dafür nicht habe, dann hampel ich rum mit den
üblichen
touristischen Abläufen und versäume die Chance.
Hartmut Häußermann und Walter Siebel beschrieben
bereits
1993 die „Festivalisierung“ als ein Instrument in
der
Stadtentwicklung. Für sie war es aber vor allem eine
„Strategie des Schwächeren“ in Stagnation
und Krise.
Es stimmt, dass die Festivalisierung häufig mit
einer
Mangellage zu tun hat. Da kann man die Kulturhauptstädte, aber
auch einen Großteil der Biennalen als Beispiel nehmen. Sehr
oft
ist das ein Rettungsanker für strukturschwache oder
strukturgeschwächte Städte. Ich habe es damals am
eigenen
Leib erfahren: Ich war verantwortlich für die Bewerbung
Bremens
als Kulturhauptstadt, und wir haben zur Bewerbung ein herausragendes
Buch gemacht, das hat die ganze Jury auch anerkannt. Nur ist die
Bewerbung dennoch gescheitert, weil – und das ist jetzt meine
Version – letztlich die Probleme Bremens einfach zu normal
waren.
So könnte man die Frage stellen, ob die Schweiz und
Zürich
die Euro überhaupt brauchen. Denn was kann man am Image einer
„Global City“, die sich in diversen
Städterankings auf
einem der Spitzenplätze befindet, noch aufwerten?
Lässt sich
damit vielleicht die häufig beschworene fehlende Vorfreude und
der
Unmut aus der Bevölkerung erklären? Sind die
SchweizerInnen
zu kleinlich im Umgang mit Großevents?
Zu denken, wir seien eh schon Weltmeister, ist in der Tat ein
Schweizsyndrom - Sattheit aus dem Wohlstand heraus. Klar ist es weit
schwieriger, unter diesen Bedingungen einen Wandel zu generieren als
aus der Mangellage. Doch auch innerhalb des Wohlstands ist auf einem
höheren Level durchaus Beweglichkeit gefragt, unter den
Bedingungen der Globalisierung erst recht. Aber Sie müssen
dafür eine ganz andere Rhetorik und Argumentationsarbeit
entwickeln. Mangel heißt ja im Grunde nur, es gibt ein
einziges
Ziel, nämlich: ich will den Mangel beheben. Bin ich aber
saturiert
so muss ich mir differenzierte Ziele setzen. Und in einem Gemeinwesen,
in einer Kommune, in einer Stadt solche Ziele zu erarbeiten ist ein
relativ schwieriger Prozess.
Auf der anderen Seite ist es natürlich Realität, dass
in der
Schweiz das Volk eine Landesausstellung oder eine Euro durch
Verweigerung der Kredite zu Fall bringen kann. Punkt. Da
gibt’s
keinen Weg dran vorbei. Das heißt, man muss einerseits mehr
für die Kommunikation aufwenden und andererseits sind die
Prozesse
in den meisten Fällen viel langwieriger, die großen
Würfe sind schlechter realisierbar und schlechter wahrnehmbar.
Darum sind für die Schweiz solche von außen
angetragenen
Chancen so wichtig.
Zürich wird sich wahrscheinlich nie als Kulturhauptstadt
bewerben.
Dagegen spricht allein das Geld, das eine Stadt wie Linz hier nur
für das Kulturprogramm investiert: 20 Millionen Euro, dazu
noch je
weitere 20 vom Land Oberösterreich und von der Republik. Die
Diskussion über diese Kredite in den Zürcher
Parlamenten
würde ich gern mal sehen – die wäre
hinreißend.
Und Kulturhauptstadt... brauchen wir das überhaupt? Sind wir
das
nicht schon?
Neben diesem breiten, nicht mehr ganz neuen Trend zur Eventisierung der
Stadtentwicklung, der die Stadt zunehmend zu einem Image oder zu einem
mentalen Konstrukt macht, sehe ich aber auch den Trend zu einer
‚Urbanisierung’ großer Events: Die
Fußballwelt-
und -europameisterschaften finden nicht mehr nur in den Medien, sondern
auch in den Städten und in den konkreten Stadträumen
statt.
Wie bewerten Sie diese neue Erscheinung des „Public
Viewing“? Sehen Sie darin eine positive Entwicklung
für den
öffentlichen Raum?
Die Plötzlichkeit des Public Viewing hat vom
Ausmaß her
alle überrascht – also wie sich das
Selbstorganisieren
urbanistisch implementiert. Doch eigentlich steht das schon in der
Logik einer längerfristigen Entwicklung, die eine Aufwertung
der
Städte als interessante Territorien und die
Überformung des
öffentlichen Raums durch Bedürfnisse jedwelcher Art
beinhaltet. In Zürich ist die Street Parade ein Beispiel, der
Marathon oder jedes normale Sylvester mit 200.000 Leuten am Seebecken.
Das ist sicher eine Chance für die Städte, wenn sie
richtig
bewirtschaftet wird. Und in der Durchführung solcher Events
sehe
ich auch ein Stück urbane Kompetenz.
Schaut man sich die Entwicklung in Zürich an, so hat sich
diese
Entwicklung seit den 1980er Jahren immer mehr aufgebaut: die
Rückeroberung des öffentlichen Raumes, die
Liberalisierung
der Gastro-Szene und die neue Besetzung der Kreise 4 und 5.
Mittlerweile ist die Stadt wahrscheinlich schon am oberen Limit einer
Veranstaltungsdichte. Das Public Viewing einer Fussball-Euro beinhaltet
Dimensionen, wo die Kleinräumigkeit einer normalen Schweizer
Stadt
langsam an ihre Grenzen kommt.
Kann man sagen, dass sich mit dem Public Viewing ein solcher Trend auch
institutionalisiert? Was vorher dezentral an vielen kleinen Orten
stattfand und sich spontan entwickelte, wird nun ganz offiziell an
einem repräsentativen Ort abgehalten und damit zentralisiert
und
vereinnahmt.
Als Institutionalisierung sehe ich eher die scharfen
ökonomischen Rahmenbedingungen der EM, die natürlich
einladen
zu jeder Form von Trittbrettfahrerei. Sei es in der Art, wie es die UBS
betreibt, mit ihren 16 UBS-Arenen, oder sei es die
Ambush-Marketing-Strategie der Migros und vieler anderer Unternehmen.
Trotz restriktiver Handhabung scheint das Potenzial, aus dem da zu
schöpfen ist, groß zu sein. Die Städte
haben aus einer
gewissen Angst heraus das Interesse, zusätzliche Dienste der
Privaten in Anspruch zu nehmen, um Sicherheit zu suggerieren, dass sich
alles unter geordneten Bedingungen abspielen wird. Das ist zwar
halbwegs verständlich, aber bei der Abstimmung gegen die
UBS-Arena
in Winterthur hat man gesehen, dass die Leute das zum Teil gar nicht
wollen.
Die Planung selbst, also Integration des Public Viewing in den
Stadtraum, halte ich für eine eigentlich ganz hübsche
Aufgabe, die hohe professionelle Anforderungen stellt. Ich
gehöre
nicht zu denen, die sagen, das ist Vermassung und schlecht.
Januar 2008

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fancity 2008